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  Donnerstag, 30. Oktober
Bildete sich Sascha die neugierigen Blicke nur ein, oder wurde er tatsächlich dauernd angestarrt? Warum hatte seine Kollegin auch nicht den Mund halten können? Er hatte ihr vor einer Woche erzählt, dass er schwul sei. Sie hatte sehr gut reagiert, aber offensichtlich gleich all ihren Kolleginnen und Kollegen die Neuigkeit weitererzählt. Und wie es halt so geht: Die Nachricht hatte sich im Schulhaus wie ein Lauffeuer verbreitet. Und nun hatte Sascha das Gefühl, dass ständig irgendwelche Schüler hinter seinem Rücken über ihn tuschelten. Ein unangenehmes Gefühl, aber er hoffte, dass sich die Situation rasch wieder beruhigen würde.
  Montag, 10. November
Seit ein paar Tagen hatte Sascha bemerkt, dass ein Junge aus einer tieferen Klasse krampfhaft versuchte, mit ihm in Kontakt zu kommen. Die ersten paar Tage war ihm Peter, so hiess der Junge, in der Pause regelrecht nachgelaufen. Er war jedoch offensichtlich zu scheu, um Sascha anzusprechen. Ein paar Tage später sorgte Peter dafür, dass er mittags in der Mensa mit Sascha am gleichen Tisch sass. Sie redeten über belangloses Zeug, aber Sascha merkte, dass der Kleine irgend etwas sagen wollte, aber sich nicht getraute. Sascha grinste innerlich. Ob Peter wohl auch schwul war und deshalb Kontakt zu ihm suchte? Ihn darauf anzusprechen, getraute sich Sascha aber auch nicht. Also abwarten, sagte er sich. Falls Peter mal eine Bemerkung machen sollte, würde er ihm einfach die Adresse der Jugendgruppe in die Hand drücken.
Mittwoch, 3. Dezember
Sascha stand nervös im Flur der Wohnung, in der sich die Jugendgruppe jeweils traf. Neben ihm standen ein paar andere Jungs und tratschten, aber Sascha hörte nur mit einem halben Ohr zu. Er wartete gespannt darauf, wer alles durch die Türe herein kam. Am letzten Wochenende war er mit den Jungs aus der Jugendgruppe am Fackelumzug zum <World Aids Day> mitgelaufen. Es war wunderschön gewesen. Rund 1000 Leute waren mit brennenden Fackeln durch die Stadt gezogen und hatten so das Thema <HIV und Aids> wieder einmal ins Bewusstsein der Leute gebracht. Ebenfalls mitgelaufen war Christian. Als Sascha ihn zum ersten mal gesehen hatte, war ihm schier das Herz stehen geblieben. Er hatte sich auf der Stelle in ihn verknallt. Diese blitzenden Augen, die blonden, gewellten Haare, das schelmische Lachen, sein umwerfender Charme, es stimmte einfach alles. Glücklicherweise war Christian ein Kollege von Klaus, der wiederum mit Sascha befreundet war. So kam es, dass Christian und Klaus den ganzen Umzug neben Sascha verbrachten und er sich so die ganze Zeit mit Christian unterhalten konnte. Christian hatte zum Abschied noch gesagt, er komme vielleicht am Mittwoch in die Jugendgruppe. Als Sascha abends dann zu Hause im Bett lag, konnte er nicht schlafen. Ein solches Gefühl im Magen hatte er seit dem letzten Sommer mit Ralph nicht mehr erlebt. Und jetzt stand Sascha also am Eingang und wartete sehnsüchtig darauf, dass Christian endlich kam... Sascha wartete und wartete, aber sein Schwarm erschien nicht. Völlig frustriert kam Sascha nach Hause. Sein Telefonbeantworter zeigte an, dass jemand eine Meldung hinterlegt hatte. «Hi Sascha, hier ist Christian. Leider hab' ich es nicht mehr geschafft...» Saschas Herz hüpfte vor Freude. Christian hatte ihn also nicht vergessen.