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COMING OUT BERICHT
Beat, 20

Als ich etwa dreizehn Jahre alt war, verliebte ich mich das erste Mal in einen Schulkollegen, mit dem ich in dieser Zeit sehr häufig unterwegs war. Ich schenkte dem zwar keine weitere Beachtung, ausser, dass ich noch mehr mit ihm zusammen sein wollte. Erst als ich etwa fünfzehn Jahre alt war, realisierte ich, dass ich die Männer irgendwie anziehender finde als die Frauen. Ich erschrak. «Bin ich etwa schwul?» fragte ich mich. Nein! Das konnte ich gar nicht sein, dafür kannte ich mich zu gut. Ich konnte mich beim besten Willen nicht mit einer kreischenden, mit Stöckelschuhen herumrennenden Tunte identifizieren. Ich war keiner von denen! Und doch fragte ich mich immer wieder, warum die anderen immer den Mädchen nachrennen, ich wäre doch viel lieber mit meinem Schulkameraden zusammengewesen.

Später war ich bei einem Kollegen, den ich erst kurz zuvor kennengelernt hatte, zu Besuch. Er sass auf dem Bett und ich lag auf dem Boden, wir hörten Musik und stellten fest, dass wir genau den selben Musikgeschmack hatten. Was in dieser Zeit eine ziemliche Seltenheit war, denn unsere Kollegen lachten uns oft aus und fragten sich, wie wir diesen 'Weibersound' nur hören können. In diesem Moment spürte ich wieder das Gefühl dieser Geborgenheit, welches ich bei meinen Kolleginnen noch nie gespürt hatte. Als mein Kollege aufs WC ging, schaute ich mich in seinem Zimmer etwas um. Auf seinem Bett lag ein Heft der Aids-Hilfe. Es hiess 'Jungs, die Jungs lieben'. Ich blätterte heimlich schnell in dieser Broschüre und sah die Telefonnummer der Jugendgruppe SPOT 25. Heimlich notierte ich mir die Nummer. Als er zurückkam, fragte ich ihn, woher er diese Broschüre habe. Er antwortete mir, sie sei in der Schule ausgeteilt worden, denn sie hätten einen schwulen Lehrer. Als ich zu Hause war, rief ich diese Nummer an und hörte mir das Infoband an. Das war für mich für lange Zeit der einzige Kontakt mit der schwulen Welt.

Mit siebzehn zog ich wegen dauernder Streitigkeiten mit meinen Eltern von zu Hause nach Winterthur und lebte nun endlich mein eigenes Leben. Bis zu dieser Zeit hatte ich ein paar Freundinnen. Ich wollte einfach so sein wie die anderen. Doch keine Beziehung dauerte länger als drei Wochen, und keine ging tiefer als bis zur Gürtellinie. Gefühlsmässig stimmte es einfach nicht für mich.
Die Zeit nach meinem Auszug von zuhause war wahrscheinlich die härteste Zeit meines Lebens. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken. Und mir wurde es immer klarer: Ich bin schwul! Immer wieder wiederholte ich diese drei Worte und schaute in den Spiegel. Das darf doch nicht wahr sein. Ich sträubte mich gegen diese Gefühle. Ich konnte nicht mehr einschlafen und irrte stundenlang in der Stadt herum. Mein grösstes Problem war, wie ich an Leute herankomme, die genauso fühlten wie ich. Ich sehnte mich in dieser Zeit sehr nach einem Freund, nach Geborgenheit und Zärtlichkeit.

In dieser Zeit war es wichtig für mich, mit Leuten zusammen zu sein. Ich baute mir einen riesigen Kollegenkreis auf, von dem ich heute noch profitieren kann. Doch ich verheimlichte immer meine Gefühle. Aber wenn ich mit meinen Kollegen zusammen war, hatte ich keine Zeit zum Nachdenken. Es war wie ein Abschalten vor meinen quälenden Gedanken.

Copyright by SPOT 25, Zuerich. NO UNAUTHORIZED PUBLISHING!!

Als ich im Musenalp-Express blätterte, sah ich das Inserat des Spot 25. Ich notierte mir die Adresse und besorgte einen Stadtplan von Zürich. Mein Entschluss stand fest: Am Mittwoch werde ich diese Jugendgruppe besuchen. Am übernächsten Tag war es soweit. «Heute muss es passieren», sagte ich mir. Also ging ich nach Zürich. Nach kurzer Zeit fand ich das Centro am Sihlquai 67. Ich hatte furchtbares Herzklopfen und ging an der Türe vorbei. Noch ein zweites, drittes und ein viertes Mal drückte ich mich an der Türe vorbei. Doch dann gab ich mir einen Ruck, denn ich wusste genau, wie beschissen ich mich nachher fühlen würde. Also ging ich wieder zur Türe. Diesmal klappte es. Als ich im dritten Stock angelangt war, sah mich ein Betreuer. Nach einem kurzen Gespräch mit ihm in der Küche zeigte er mir die Räumlichkeiten des Centro. Er gab mir einen Riesenhaufen von Infomaterial mit, welches mir eine schlaflose Nacht bereitete. Als ich an diesem Abend nach Hause kam, fühlte ich mich richtig gut. Ich war wie neugeboren. Es ging mir seit langem wieder richtig gut.

Kurz darauf lernte ich meinen ersten Freund kennen. Das Coming Out bei meinen Eltern verlief auch sehr erfolgreich. Ich besuchte meine Mutter, und im Verlaufe des Abends erzählte ich ihr von meinem Schwulsein. Sie teilte es dann auch meinem Vater mit. Im Grossen und Ganzen war danach das Coming Out für mich eine sehr schöne, interessante und spannende Zeit. Ich lernte einen Haufen neue Leute, Clubs und Bars kennen.