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COMING OUT BERICHT Mirco, 26
Angefangen hat alles, als ich im Alter von 20 von zuhause ausgezogen bin. Endlich hatte ich meine eigenen vier Wände! Ich konnte jetzt mein eigenes Leben leben.

Freundinnen... die hatte ich damals ja noch. Ich wusste zwar, dass ich irgendwie anders war als meine Altersgenossen, doch dass ich schwul hätte sein können, stand für mich ausser Diskussion. In den Bergen wohlbehütet aufgewachsen, war das überhaupt kein Thema für mich. Mein grösstes Hobby ist die Musik. Ich spiele immer in einem Dorfmusikverein mit und geniesse es, auf diese Art schnell neue Leute kennenzulernen.

Da ich damals Waldhorn spielen gelernt hatte, ein eher seltenes und somit gesuchtes Instrument, wurde ich in unserem Dorf sofort mit offenen Armen aufgenommen. Da ich noch jung war, fragte man mich, ob ich nicht in der Jugendmusik aushelfen könnte. So lernte ich Thomas kennen... Er war der Schlagzeuger der Jugendmusik. Wir wurden sehr schnell Freunde, da wir beide von einer eigenen Band träumten. Hans, der Onkel von Thomas, war Dirigent der Jugendmusik. Auch mit ihm verstand ich mich auf Anhieb. Durch ihn kam ich zu einem Dirigentenkurs, um danach das Jugendspiel von ihm zu übernehmen. Es hätte alles nicht besser laufen können. Wäre da nicht die Sache mit Thomas gewesen...

Je öfter wir zusammen waren, um so mehr wurden unbekannte Gefühle in mir wach. Es wurde so schlimm, dass ich manchmal völlige Blackouts hatte. Nach und nach wurde mir klar, dass ich wohl in Thomas verliebt sein musste. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich bis über beide Ohren verliebt! Doch ich hatte niemanden, mit dem ich reden konnte. Eines Abends nahm mich eine sehr gute Freundin beiseite und fragte, was mit mir los sei. Offensichtlich muss ich an diesem Abend ziemlich schlimm ausgesehen haben. Wir fuhren zusammen zu einem See. Mit Tränen in den Augen gestand ich ihr meine Liebe zu Thomas. Sie war die erste Person, der ich es anvertraute. Die zweite war dann wenig später Thomas' Onkel Hans. Zu meiner Verwunderung zeigte er sehr viel Verständnis und akzeptierte mich so, wie ich war.

Nach einem Besuch einer schwulen Jugendgruppe in der nächstgrösseren Stadt konnte ich endlich zu meinem Anderssein stehen. Dann ging es Schlag auf Schlag: Ende Dezember besuchte ich mit einem Studienkollegen, einem Heti wohlbemerkt, die Stammkneipe meines Musikvereins. Er sprach aus Jux etwas tuntig. Schnell munkelten einige Leute im Lokal, dass er schwul sei.

Da ich aber mit ihm zusammen war, musste ich es also auch sein. Von diesem Gemunkel bemerkte ich an jenem Abend nichts.

Nach einigen Tagen erfuhr ich durch Hans von den Gerüchten. Er dachte sich, der Studienkollege sei wirklich mein Freund. Daher hatte er das Gerücht noch bestätigt. Er versuchte auch, den Leuten zu erklären, dass das doch nicht so schlimm sei...

Wenige Tage später erhielt ich eine Einladung zu einer Vorstandssitzung des Musikvereins. Das einzige Traktandum an diesem Abend war meine Person. Der Vorstand hatte Bedenken, da ich ja als Leiter eines Jugendspiels auch Buben in der Gruppe hatte: «Was sollen denn da die Eltern denken?» Ich kam mir vor wie ein Angeklagter. Sie fragten mich, ob es denn stimmt, dass ich homosexuell sei (wie sie dieses Wort nur schon aussprachen). Ich stand mit dem Rücken zur Wand. Es gab nur noch die Flucht nach vorne! Zum ersten Mal bekannte ich mich öffentlich zu meinem Schwulsein. Obwohl sich unser Präsident sehr für mich einsetzte, wurde beschlossen, dass ich das Amt als Leiter des Jugendspiels abgeben müsse. Ich forderte den Präsidenten auf, dem ganzen Verein reinen Wein einzuschenken, damit auch alle wussten, wie mit mir umgegangen wurde. Den Mut zur Rede, die er dann ein paar Tage später vor dem Verein hielt, muss ich ihm heute noch hoch anrechnen. Denn noch nie wurde im ganzen Verein offen über dieses Thema geredet. Er schaffte es, allen dummen Schwätzern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ich wurde zwar in Ruhe gelassen, aber die Freundschaft zu Thomas zerbrach. Ich war total alleine.

Das alles ist jetzt etwas über drei Jahre her. Aus dem Verein bin ich ausgetreten. Meine Eltern haben von meiner Veranlagung und dieser Geschichte erst etwa ein Jahr später erfahren. Doch was mich am meisten überraschte, war ein Gespräch mit dem befreundeten Dirigenten des Musikvereins aus dem Nachbardorf. Der hatte das Ganze mitbekommen. Er fragte mich, ob ich nicht bei seinem Verein die Jugendmusikübernehmen wolle! Er hätte mein Schwulsein im Vorstand besprochen und man sehe kein Problem darin. So wurde ich drei Monate nach dieser ganzen Misere zum Dirigenten einer anderen Jugendmusik. Ich durfte erfahren, dass es auch auf dem Land sehr tolerante Menschen geben kann.

Man muss vielleicht nur ins Nachbardorf umziehen...