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COMING OUT BERICHT
Martin, 18
(c) by SPOT 25 and AHS Switzerlan Oftmals habe ich mich gefragt, wann ich meine ersten sexuellen - homosexuellen Gefühle gehabt habe. Hatte ich schon immer eine Vorliebe für das gleiche Geschlecht, bin ich so geboren? Tatsächlich kann ich mich nicht erinnern, dass ich jemals echte körperliche Zuneigung zum anderen Geschlecht empfunden habe.

Ich erinnere mich, wie ich mit etwa 7-8 Jahren zufällig an ein paar einschlägige Heftchen kam. Natürlich konnte ich es mir nicht verkneifen, diese Heftchen durchzublättern. Bereits damals war ich von den abgebildeten Männern beeindruckt. Sie erregten mich. Die Frauen jedoch liessen mich kalt.

In der fünften Klasse verliebte ich mich das erste Mal: in ein Mädchen. Es gab mir ein beruhigendes Gefühl, ein Mädchen zu lieben. Jedenfalls so lange, bis ich merkte, dass mich ihr damaliger Freund anzog.
Na ja, spätestens jetzt wurde mir bewusst, das ich wohl schwul oder zumindest bi bin. Ich begann jeden Schnipsel, den ich über das Thema Homosexualität fand, zu sammeln. Mich interessierten Männerunterhosen in Katalogen, und ich wurde ein fleissiger Stammleser der Bravo, Girl und Mädchen-Heftchen meiner zwei Schwestern.

In der achten Klasse verliebte ich mich das erste mal in einen Jungen. Sobald ich ihn sah, stieg mein Puls, und ich konnte mich kaum bewegen. Unentwegt beobachtete ich ihn, versuchte, alles über ihn herauszufinden. Wie gerne hätte ich ihn berührt, ihn umarmt!!! Doch ich war viel zu schüchtern, ich traute mich nicht einmal, mit ihm zu sprechen. Wenn ich einmal zufällig einige Worte mit ihm wechselte, war ich eher abweisend, aus Angst, jemand könnte etwas von meiner heimlichen Liebe zu ihm bemerken. Hatte ich einen erotischen Traum, dann kam meistens er darin vor. Diese Träume waren einerseits wundervoll, anderseits waren sie immer mit einem gewissen Nachgeschmack, einem stechenden Schmerz, einem schlechten Gewissen verbunden.

Die reguläre Schulzeit neigte sich dem Ende entgegen, und ich war stärker denn je in den Jungen aus der Parallelklasse verliebt. Am letzten Schultag kamen alle Neuntklässler zusammen, bildeten eine Schlange und liefen zusammen durch das gesamte Schulgelände. Jeder legte seine Hände auf die Schultern des Vorderen. Mein
'Geliebter' kam genau hinter mir zu stehen - Zufall oder nicht? Er berührte sanft meine Schultern, und so liefen wir durch das gesamte Schulgelände. Mir lief es eiskalt den Rücken herunter. Am liebsten hätte ich mich damals umgedreht und ihn totgeknutscht! Diese harmlose Berührung bestätigte es mir: Ich bin schwul!!!

Ich kaufte mein erstes Schwulenmagazin, schaute im Fernsehen so oft wie möglich die Sendung 'Wa(h)re Liebe', ging in einen Buchladen, wo ich mich mit schwuler Literatur eindeckte. Am Coming Out Day im Oktober 96 raffte ich mich auf und ging an den Infostand in Bern und stammelte mit leiser Stimme, ob es hier eine Schwule Jugendgruppe gebe. Bereits beim nächsten Treffen der Jugendgruppe war ich dabei.

Ich war überrascht, dass all diese jungen Männer ganz 'normal' sind. Sie erzählten von sich, von ihrer momentanen Situation und von ihrem Coming Out. In der folgenden Woche schwebte ich wie auf Wolken!

Schnell lernte ich viele nette junge und ältere schwule Männer kennen, von denen ich viel profitierte. Sie alle gaben mir viel Selbstvertrauen. Schon bald erzählte ich meinen besten Kollegen und meiner Zwillingsschwester, dass ich schwul bin. Einige waren überrascht, andere hatten es vermutet. Meine beste Kollegin sagte nur, dass sie das schon lange gewusst habe.

Am meisten Mühe hatte ich, es meinen Eltern zu sagen. Eines Tages sammelte ich allen Mut und versuchte, es meiner Mutter schonend beizubringen. Sie schien bereits etwas zu ahnen und blockte ab - sie wollte es schlicht und einfach nicht wahrhaben. Ich erklärte ihr meine Situation, wie ich mich fühle, was mich beschäftigt. Zufällig kam mein Vater dazu, und so sprachen wir zu dritt darüber. Sie versuchten, Verständnis für etwas aufzubringen, das Ihnen vollkommen neu war. Bis jetzt waren sie noch nie mit diesem Thema konfrontiert worden. Ich war schockiert, wie wenig sie über Homosexualität wussten.

Inzwischen haben sie sich mehr oder weniger mit der Situation abgefunden. Tief in ihrem Innern schlummert aber immer noch die Hoffnung, dass ich eines Tages doch noch auf Frauen wechsle. Insgesamt gesehen ist mein Verhältnis zu meinen Eltern mindestens gleich gut geblieben. Das Leben ist facettenreich, hat viele Gesichter. Es ist wie bei einer Schachtel Pralinen, du weisst nie, was dich als nächstes erwartet...

Ich geniesse mein Leben - mein schwules Leben.