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SCHWUL UND CHRIST?!

Bestimmt hast du dich schon gefragt: «Woher komme ich, wohin gehe ich, was ist der Sinn meines Lebens?» Fast jede Kultur versucht(e), auf solche Fragen Antworten zu geben, und brachte eine Religion hervor. Manche Christen machen es sich sehr einfach. Sie betrachten die Bibel als wörtliche Offenbarung Gottes. Ein Engel habe den biblischen Schreibern die Texte ins Ohr geflüstert. Mit dieser Auffassung machen sie die Bibel zu einem Gesetzbuch. Dieser Überzeugung sind evangelikale, fundamentalistische Gemeinschaften und konservative Kirchen. Gerade weil Schwule von solchen Kreisen immer wieder angegriffen werden, ist es wichtig zu wissen, wie diese ihre Feindseligkeiten gegenüber Schwulen und Lesben begründen.
Aus dem Alten Testament
Oft wird mit einer Stelle im 1. Buch Mose, 19 (der Untergang von Sodom) argumentiert:
Weil die Sodomiter die grösste Demütigung zwei fremden Männern antun wollten und sie zu vergewaltigen suchten, soll Sodom zerstört worden sein. Erst viel später hat sich der Sprachgebrauch eingebürgert, männerliebende Männer als Sodomiten zu brandmarken. Da die 'Ewiggestrigen' unserer Zeit lesbische und schwule Liebe mit Vergewaltigung gleichsetzen, beweisen sie, dass sie weder etwas von Liebe verstehen noch die Bibel mit wachen und kritischen Augen lesen wollen. Es ist menschenverachtend, wenn einige beliebige Vorschriften aus biblischen Sammlungen genommen werden, Mitmenschen damit gemassregelt und gleichzeitig andere Vorschriften in diesen Sammlungen geleugnet werden. Dies ist für uns ein typisches Beispiel von Doppel-Moral und zweierlei Massstäben.

Zur heutigen Auffassung von Homosexualität als tief erlebte Beziehung zwischen zwei Männern oder zwei Frauen sagt die Bibel nichts aus. Übrigens kennt die Bibel die heutige Vorstellung von der Ehe auch nicht. Die Bibel will als ein Dokument der damaligen Zeitgeschichte und des damaligen Denkens verstanden werden. Sie überliefert Gotteserfahrungen in Bildern, die meistens übersetzt werden müssen in die heutige Zeit. Die Bibel kennt auch grossartige Texte, die uns Mut machen können. So antwortet Ruth an Noëmi: «Wo du hingehst, da will auch ich hingehen, und wo du bleibst, bleibe auch ich; denn dein ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe auch ich; da will ich begraben sein... nur der Tod soll mich von dir scheiden!» (Ruth 1, 16 ff). (Dieser Frauentext wurde und wird häufig für heterosexuelle Trauungen verwendet!)
David weint über seinen auf dem Schlachtfeld gestorbenen Freund: «Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan, du warst mir so lieb! Deine Liebe war mir köstlicher als Frauenliebe!» (2. Samuel 1, 26).
Und der Prediger weiss: «Zwei sind besser daran als nur einer; sie haben doch einen guten Lohn für ihre Mühen. Denn fallen sie, hilft der eine dem anderen auf. ... Und liegen zwei beieinander, so haben sie warm; wie aber könnte einer alleine erwärmen?» (Prediger 4, 8 - 12). Sprechen diese paar Zeilen nicht gerade von uns?

Aus dem Neuen Testament
Im Neuen Testament gibt uns Paulus die folgende, modern anmutende Idee im Galaterbrief 3, 28 weiter: Unter Christen besteht kein Unterschied, ob eine Person früher dem jüdischen oder einem griechischen Glauben angehörte, ob sie versklavt oder frei war, ob sie Mann oder Frau ist, (ob sie hetero-, bi-, a- oder homosexuell ist), denn alle Menschen sind gleichwertig.
Ausserdem kümmert sich keines der Evangelien um unsere Frage, wie geschlechtlich geliebt werden solle, weil dies damals niemanden interessierte. Dies ist sehr bedeutsam, denn die Evangelien sind die wichtigsten Texte der Bibel. Sie betonen die gegenseitige Achtung voreinander, da jeder Mensch ein liebenswertes Geschöpf Gottes ist mit all seinen Eigenheiten. Jeder Mensch ist etwas Spezielles.
Jesus ging auf Menschen zu, berührte sie, liess Nähe zu und wünschte ihnen ein Leben in Würde. Vielleicht könnte ein solches Verhalten ein Vorbild sein, das uns in guter Art herausfordert. Vielleicht liegen darin Möglichkeiten zur Befreiung aus Ängsten, Einsamkeit, Wert- und Mutlosigkeit. Deshalb müssen intolerante und gefährliche religiöse Haltungen aufhören, das Leben von suchenden Menschen zu belasten.
Schwul- und Lesbischsein gehört als persönliche Erfahrung zu unserem religiösen Leben. Damit gehören für uns auch schwule und lesbische Partnerschaften zu etwas ganz selbstverständlichem, zu etwas, das uns allen zusteht. Allerdings ist es nicht immer ganz leicht, so zu leben. Es gibt (noch) keine religiösen Regeln dafür - ausser vielleicht: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Für Auskünfte und Fragen zum Thema kannst du dich an die HuK (Homosexuelle und Kirche) wenden. Im Adressteil dieser Broschüre findest du Adresse und Telefon.